bis zu meiner Abreise bleiben mir nur noch gute 5 Wochen und das ist für mich am wenigsten fassbar. Der Sommer, in dem ich seit fast fünf Monaten lebe ist nun fast vorbei und meine Gedanken kreisen schon um Wohnungssuche, Abschied und Wiedersehen.
Hier in Maua herrscht der kenianische Alltag und im Moment gibt es nicht all zu viel Neues, was ich euch berichten könnte. So nutze ich die Zeit um euch einmal etwas mehr über das Land zu erzählen.
Kenia - "Entdecken Sie den Zauber Afrikas", sagt mein wundervoller Reiseführer.
Umgeben von Äthiopien, dem Südsudan, Uganda, Tansania, Somalia und dem Indischen Ozean wird es zum Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen und dem Drehpunkt Ostafrikas.
Die Amtssprachen sind Englisch und Swahili (auch Suaheli, Kisuaheli oder Kiswahili genannt).
In Kenias Nationalflagge sollen die weißen Linien Einheit und Frieden symbolisieren. In der Mitte hinter dem Schild kreuzen sich zwei Speere als Zeichen der Bereitschaft, für die Freiheit zu kämpfen.
Bevölkerung
Gegenwärtig leben in Kenia ca. 38 Millionen Menschen. Jedes Jahr wächst die Bevölkerung um geschätzte 2,7%. Bei gleichbleibendem Wachstum wird sich die Bevölkerung also in 20 Jahren verdoppeln. Von diesen 38 Millionen Menschen sind 43% jünger als 15 Jahre und die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 57,8 Jahre.
(Im Vergleich dazu die deutschen Daten: Bevölkerungswachstum: -0,04%, Anteil der unter 14-Jährigen: 14%, durchschnittliche Lebenserwartung: 79 Jahre.)
Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte von 67 Einwohnern / km², bei einer Fläche von 582 646 km², täuscht darüber hinweg, dass mehr als drei viertel der Bevölkerung auf einem Drittel des Staatsgebietes leben. Die meisten Menschen drängen sich, mit steigender Tendenz, im fruchtbaren Hochland im Südwesten, an der Küste und in den drei großen Städten Nairobi, Mombasa und Kisumu.
Geschichte und Politik
Die Staatsform Kenias ist heute die Präsidial-Demokratie mit Präsident Mwai Kibaki als Staatsoberhaupt und Raila Odinga als Premierminister. Die Regierung zählt 93 Minister und Staatssekretäre.
Präsident Mwai Kibaki
Geschichtliche Fakten (ab der britischen Ära)
1856 Briten zerschlagen das Sultanat der Ostafrikanischen Küste.
1920 Kenia wird Kronkolonie.
1944 Aufnahme der ersten Afrikaner im Legislative Council.
1963 Kenia erhält die Unabhängigkeit.
1964 Jomo Kenyatta wird erster Präsident.
1978 Daniel arap Moi übernimmt die Herrschaft.
2002 Mwai Kibaki wird als dritter Präsident vereidigt.
2007 Blutige Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen
2008 Koalitionsregierung Mwai Kibaki und Raila Odinga
2009 Schwerste Dürre und Versorgungskrise
2010 Mwai Kibaki setzt die neue Verfassung in Kraft
Religion
Rund 70% der Kenianer sind Christen, wovon die Mehrheit anglikanisch oder römisch-katholisch ist. Andere sind z.B. Baptisten, Protestanten, oder Methodisten.
Während der Einparteienregierung von Daniel arap Moi in den 1980er Jahren waren die Kirchen die einzigen Kräfte, die wiederholt politische Rechte für die Bevölkerung einforderten. Zum Islam bekennen sich ca. 6% vor allem entlang der Küste. Zum Beispiel die indischstämmigen Ismaeliten, die durch das starke soziale Engagement ihres religiösen Führers, des Aga Khan, großen Respekt genießen, vertreten eine sehr liberale Strömung des Islam.
Islamistischer Fundamentalismus ist in Kenia bisher unbekannt.
Viele Kenianer sind Mitglieder traditioneller Religionen, die meisten davon afrikanischen Ursprungs. Überlieferte Glaubensvorstellungen haben jedoch auch für viele Christen Bedeutung. Spiritualität durchdringt bei den meisten Kenianern alle Lebensbereiche.
Ethnische Gruppen
In Kenia leben 42 ethnische Gruppen, gesprochen werden mehr als 50 verschiedene Sprachen und Dialekte. Zu Ihnen zählen unter Anderem die Swahili, die Kikuyu, die Masai, die Luo und viele Andere. Ich habe mir mal die Swahili und die Kikuyu herausgepickt um euch deren Kultur etwas näher zu bringen.
Swahili - Die Swahili bilden eine Kulturgemeinschaft entlang der Küste. Bereits im 6. Jahrhundert ließen sich arabische Kaufleute an der Küste Ostafrikas nieder. Durch Heirat vermischten sie sich mit den einheimischen Bantuvölkern. Es entstand eine gemeinsame Sprache, Swahili, heute die Nationalsprache Kenias und Umgangssprache in ganz Ost - und Zentralafrika. Kulturell konnte sich die Küstenbevölkerung erstaunlicherweise gegen die jahrhundertelangen Einwanderungswellen aus Persien und Arabien behaupten. Als Religion übernahmen sie allerdings den Islam.
Kikuyu - Die bantusprachigen Kikuyu sind die größte und einflussreichste Volksgruppe und stellen ca. ein fünftel der Bevölkerung. Sie gehören zu den dominanten Volksgruppen Kenias, da ihnen vom Staatsgründer Jomo Kenyatta, der Kikuyu war, viel Land zugeschanzt wurde.
Nach Kikuyu-Gesetz kann ein Mann bis zu vier Frauen haben, von denen jede einzelne mit ihren Kindern in einer eigenen Hütte lebt. Das von ihnen besiedelte Gebiet erstreckt sich zwischen Nanyuki im Norden und Kiambu im Süden.
Eine traditionell gekleidete Kikuyu-Frau
Bildung
Kenia gibt rund 7% der Staatsausgaben für das Bildungswesen aus.
Zum Vergleich: In Deutschland wird ein fünftel für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur zusammen ausgegeben.
Heute besuchen mehr als 7,5 Millionen Kinder die Grundschule, das sind fast 22% der Bevölkerung. Früher wurden fast ausschließlich Jungen zur Schule geschickt, aber inzwischen sind 57% der Schüler Jungen und 43% Mädchen.
In Kenia herrscht Schulpflicht mit den Pflichtsprachen Englisch und Swahili. Doch nicht alle Kinder können die Schule besuchen, denn obwohl der Schulbesuch frei ist, kommen auf die Eltern Kosten zu (Schuluniformen, Bücher, Hefte...).
Die vierjährige Oberschule ist im Gegensatz dazu kostenpflichtig. Sie wird von etwas mehr als 900 000 jungen Kenianern besucht.
Generelle Probleme in den Schulen sind ihre schlechte Ausstattung und Lehrermangel.
Kenia hat sechs staatliche Universitäten, zwei davon befinden sich in Nairobi. Daneben gibt es einige private Universitäten und eine Reihe von Fachhochschulen. Ein Schulabschluss bedeutet in Kenia aber noch lange keine sichere Arbeitsstelle. Nur jeder sechste Schulabgänger findet Arbeit mit geregeltem Lohn. Auch ein Universitätsexamen garantiert keinen Arbeitsplatz.
Gesundheitswesen
Es gab eine Zeit, in der das kenianische Gesundheitssystem für afrikanische Verhältnisse vorbildlich war. Inzwischen ist jedoch selbst die notwendigste Versorgung in den staatlichen Krankenhäusern nicht mehr gegeben. Wegen der andauernden Unterbezahlung gibt es zu wenig Ärzte und kaum Medikamente. Ein Sechstel der Krankenhausbetten steht in der Millionenstadt Nairobi. Ländliche gelegene Krankenhäuser sind sehr schlecht ausgerüstet, haben kein Geld und zu wenig Personal. Zudem können sich die meisten Kenianer die möglichen Behandlungen nicht leisten.
Gut untergebracht, allerdings nur bei unkomplizierten Fällen, ist man in privaten bzw. kirchlichen Kliniken. Ich denke man kann an dieser Stelle auch das Maua Methodist Hospital hinzuzählen. Wobei ich sagen muss, dass ich äußerst erleichtert bin, dass ich bis jetzt nicht einmal ernsthaft krank war, denn auf Grund der hygienischen Umstände möchte ich nicht gezwungen sein mich auf eine der Stationen zu legen. Und dabei ist unser Krankenhaus eines der Saubersten im ganzen Land! Bei einer komplizierten Sprunggelenksfraktur, würde ich mich nach Hause fliegen lassen.
Eines der Zimmer der chirurgischen Station in Maua
Das rasante Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen und Familienplanung ist ein Schwerpunkt der Gesundheitspolitik. Die Bekämpfung von Aids gehört natürlich auch dazu. Die Krankheit frisst jährlich ca. 80% des medizinischen Budgets.
Wirtschaft
Kenia war über Jahrzehnte als das politische und wirtschaftliche Vorzeigeland Ostafrikas bekannt. Ab Mitte der 1990er Jahre führte die ausufernde Korruption dazu, dass die einst vorbildliche Infrastruktur zunehmend verkommen ist. 1998 erklärte sich Kenia für bankrott.
Beschäftigung
Die Weltbank schätzt die erwerbsfähige Bevölkerung auf mehr als 17 Millionen. In den Städten sind laut Regierung gut ein Viertel der Menschen ohne Arbeit, die Opposition geht von mehr als 50% aus. Für die Landbevölkerung gibt es keine Angaben. In der Regel kann man davon ausgehen, dass ein Kenianer mit Arbeit zehn weitere Menschen versorgt.
Aus der kenianischen Wirtschaft nicht wegzudenken sind außerdem die schätzungsweise 2 Millionen "fliegenden Händler", welche ohne staatliche Lizenz als Schuhputzer, Straßenverkäufer oder auch Fremdenführer arbeiten.
Nairobi an einem Nachmittag im Zentrum
Ausschlaggebend für die kenianische Wirtschaft sind Landwirtschaft und Fischerei, Industrie und Bergbau, und natürlich der Tourismus.
Kenia ist übrigens Weltmeister im Tee-Export. 1906 brachten englische Pflanzer erste Setzlinge mit und inzwischen liefert sich Kenia ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Sri Lanka um die Exportspitze. Rund 10% der Bevölkerung Kenias sind mittel- oder unmittelbar mit Tee beschäftigt.
Inzwischen ist der Tourismus größter Devisenbringer des Landes. Mindestens eine Million Jobs hängen an der Branche. Umso katastrophaler wirken sich negative Schlagzeilen in den Medien aus. Durch die teilweise schwierige und ungewisse politische Lage im Zusammenhang mit Somalia und al-Shabaab bleiben viele Besucher lieber fern.
Kenia ist nicht besonders reich an Bodenschätzen. Der gesamte industrielle Sektor macht knapp ein fünftel des Bruttoinlandsproduktes aus. Kenia besitzt eine starke Lebensmittel- und Zementindustrie und große Textil- und Schuhfabriken. Bei Mombasa steht eine Erdölraffinerie, die Importe für Kenia und den Weitertransport in die Nachbarstaaten verarbeitet. Das Land hat so gut wie keine fossilen Brennstoffe, also kaum Erdöl und Kohle. Etwas Energie wird durch Wasserkraft am Tana River erzeugt, aber all das reicht längst nicht aus um den Energiebedarf des Landes zu decken. Erdöl muss also gekauft werden, was zukünftig verstärkt aus dem Nachbarland Uganda kommen soll, wo kürzlich Erdölreserven gefunden wurden.
Neun Zehntel der Kenianer auf dem Land müssen ohne Elektrizität auskommen.
Frauen beim Wäsche waschen am Fluss in der Nähe von Maua
So meine lieben. Wieder was gelernt! Vielleicht habe ich euch ja ein bisschen für Kenia begeistern können. Den Zauber kann man aber nur entdecken, wenn man einmal hier gewesen ist, denn es bleiben neben all den Fakten und Zahlen unendlich viele Dinge, die man gesehen, gehört, gerochen und gefühlt haben muss um dieses Land annähernd zu begreifen und zu verstehen.
Auch die Mentalität der Kenianer spielt dabei eine große Rolle und ich werde wohl nie müde werden in diese Kultur einzutauchen und Neues zu lernen. Besonders die Frauen des Landes sind für mich beeindruckend, denn sie sind meist diejenigen, die alles anpacken und es schaffen ihre Familie zu versorgen.
Während ich nun meine Erkältung ausbade, genießt ihr mal eure - 20° und freut euch auf den Frühling, denn der kommt ja irgendwann zum Glück immer!
Alles Liebe und bis bald.
Eure Pauline







